Abschiedszeremonien

...so verschieden wie die Leben, die sie beleuchten.

SternenKind – Enfant Plume

Ich werde gerufen, mit den Eltern eines Sternenkindes eine kleine, intime Zeremonie des Abschiedes zu gestalten – ein weiterer Schritt, die unermessliche Trauer zu leben und das Unfassbare allmählich zu begreifen. Ein Sternenkind. Un enfant plume. Es sind Kinder, deren Geburt und Tod zusammenkommen.

Wenn das Ende eines Lebens mit dessen Anfang zusammenfällt, können wir das nicht begreifen. Die Frage „warum?“ schreit zum Himmel. Beantworten können wir sie nicht...


„Ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben...“ schreibt Rainer Maria Rilke in seinen Briefen. 
 

Und doch. Ich werde Worte finden, wo Worte nur unzulänglich bleiben können.

Und ich werde einen sicheren Raum halten für die Eltern und all das Unaussprechbare. So dass sie sein können mit ihren Gefühlen, dass gelebt werden kann, was zu leben ist. Es ist so unendlich wichtig, dass jeder Schritt in diesem Trauerprozess achtsamen Raum erhält.
 

Je vous en prie, ne me demandez pas si j’ai réussi à le surmonter,
je ne le surmonterai jamais. (…)
Je vous en prie, ne me dites pas que vous savez ce que je ressens,
à moins que vous aussi, vous ayez perdu un enfant.
Je vous en prie, ne me demandez pas de guérir,
le deuil n’est pas une maladie dont on peut se débarrasser.
(…)
Je vous en prie, dites-moi simplement que vous êtes désolés.
Je vous en prie, laissez-moi simplement parler de mon enfant.
Je vous en prie, laissez-moi simplement le pleurer si j’en ai envie.
Rita Moran


Die Aufgabe berührt mich zutiefst. Voller Demut gegenüber dem Leben und seiner fragilen Kostbarkeit. Voller mit Demut gegenüber dem Tod in seiner ganzen Tragweite. Meine Aufgabe ist die einer Schwellenhüterin, vertraut mit beiden Welten.

Nach mehreren Telefongesprächen, Skype und Mailkontakt treffen wir uns am Haupteingang des Spitals, wo der kleine Bub tot geboren wurde – sein Herz hörte noch im Mutterbauch plötzlich auf, zu schlagen. Drinnen im grossen verzweigten Gebäude, unterstützt von Menschen und Apparaten, schläft sein kleiner Zwilling, der dem Leben anvertraut wurde und immer mehr erstarkt. Die Eltern erleben Trauer und Freude in einem. Ein so weiter Bogen, dass es sie schier zerreisst.

Die kleine Urne wurde mir zuvor von der Mitarbeiterin von Aurora, dem „anderen“ Bestattungsinstitut, überbracht. Ich trage das kleine Gefäss aus Holz mit äusserster Achtsamkeit, gehe ganz behutsam um mit dem einzig noch manifesten dieser Seele, die ihre Spuren auf unsichtbare, jedoch fühlbare Weise hinterlässt. Die Liebe, die während der ganzen Schwangerschaft für ihn gefühlt wurde, hat eine Wirkung, die nachhallen wird.

Der seit dem Vortag immer wieder einsetzende Regen hat aufgehört. Wir schreiten langsam zu einer wilden Blumenwiese neben dem Spital, geschützt von den Blicken anderer. Dort richte ich einen schönen Altar ein auf der silbernen Platte, die ich mitgenommen habe. Alles ist in Weiss, auf Wunsch der Mama. Federn, Tücher, eine Kerze und Blüten umrahmen das kleine Holzgefäss mit der Asche. Perlweisse Ballone flattern im Wind, bereit, die Abschiedsbriefe der Eltern, deren Eltern und der Patin weit in den Himmel hinauf zu tragen. Alles geschieht schlicht, still, getragen vom Frieden der Natur um uns – ich lese die Texte, die sie sich gewünscht haben, wir hören dazwischen Musik, die sie tröstet, schauen den unzähligen hellen Schmetterlingen in ihrem Flug zu, fühlen den Wind auf der Haut, warten und sprechen und geben Raum für all die Gefühle. Tränen benetzen auch meine Wangen, als die beiden ihre Worte für ihren kleinen Sohn lesen, Worte, die von zerstörten Hoffnungen, von bodenlosem Schmerz und von unendlicher Liebe sprechen... So viel Liebe!

So viel Liebe, die nicht direkt adressiert werden kann, die sich nur in eine nicht fassbare, unberührbare, mit den Sinnen schwer erfahrbare Weite richten kann, dorthin, wo die Ballone die Worte tragen. Einen Anker hat sie, diese starke und tiefe Liebe: im Herzen der Eltern. Sie sind Eltern von Zwillingen, auch wenn sie nur einen davon werden aufwachsen sehen. An den zweiten werden die Bilder vom Loslassen der Ballone erinnern und das Bäumchen, das sie zusammen mit der Asche pflanzen werden. Dieses wird wachsen.

Wir kommen zum Ende der kleinen Zeremonie. Die Ballone sind weit oben in den Wolken verschwunden. Die Schmetterlinge tanzen immer noch, vereinzelt. Wir packen langsam zusammen. Die Urne bette ich in die Federn und Blüten und gebe sie dem Vater. Mit den ersten Schritten zurück, setzt der Regen wieder ein, der uns genau die Zeit liess, die wir brauchten, und nun mit seiner Feinheit, das Loslassen begleitet.

Ich nehme Abschied. Die zwei herzlichen Menschen werden noch viele Schritte in ihrem Trauerprozess machen. Sie sind gut begleitet und eingewoben in ein Netz von nahen Menschen. Ihr kleiner Sohn wartet drinnen im Spital auf seine Eltern, um sich Ihrer Fürsorge und dem Leben ganz anheim zu geben. Seine Eltern werden ihm erzählen von seinem Brüderchen, dessen Herzschlag einst so nah war...  
 

San Graf

Im Juli 2018

Abschied am Wasser

Unser Treffpunkt liegt hinter den Alpen, am grossen Fluss, im Paradies. So zumindest heisst der Campingplatz. An diesem NovemberMittag ist das Paradies unbevölkert und empfängt uns mit Sonnenschein.

Die Familie des Verstorbenen hat mich angefragt, eine Zeremonie mit Ascheausschüttung zu leiten. Sie tragen die Urne ihres geliebten Menschen mit sich. Gereist ist sie in ihrem Kreis, gehalten ein letztes Mal, einen Weg gemacht, der den Lebenden Zeit gab für Gedanken, Erinnerungen, gefühlte Vergangenheit und vergangene Gefühle.

Hier und jetzt nehmen wir den kleinen Pfad oben am Wasser entlang, folgen seinem Fluss. Immer wieder hat jemand den Eindruck, hier wäre der richtige Platz für die Zeremonie. Doch das Familienfeld bewegt sich weiter, es wollen noch Schritte gemacht werden. Über die grossen Steine nähern wir uns dem stimmigen Platz am Wasser, einander helfend und achtgebend, dass die Urne heil mit uns ist.

Ich habe mich auf dem langen Weg in den Süden verbunden mit meiner Aufgabe und den Kräften, die mich darin unterstützen. Auf dem kurzen Weg nun mit der Familie zum Platz habe ich mich auf sie eingestimmt und auf den verstorbenen Menschen, dessen Asche das Letzte ist, das wir greifen können.

Nach einleitenden Worten bitte ich die Menschen Holz für ein Feuer zu Ehren des geliebten Menschen zusammenzutragen. Ein grosser Stein in Herzform fällt in meinen Blick. Dieser kommt auf den mit leuchtenden Herbstblättern geschmückten TafelStein für die Urne. Still steht sie und nah am Feuer, das die zwei jungen Töchter entzünden. Worte, gemeinsamer Gesang, Schweigen und der rauschende Klang des Wassers bereiten den Moment des Loslassens vor. Die Wärme und das Prasseln des Feuers geben der Liebe und Verbundenheit Ausdruck – jede_r legt ein Holz hinein mit den stillen Wünschen für die Seele des Verstorbenen.

Es ist Zeit. Sorgsam nimmt ein Neffe die Urne, trägt sie zum Wasser, wo ich sie behutsam entgegennehme. Eine Schale mit Blütenblättern steht bereit. Wir öffnen den Deckel der Urne und langsam, unendlich langsam lasse ich die Asche ins Wasser gleiten. Die Zeit dehnt sich aus, gibt den Anwesenden Raum, den Abschied bewusst zu erleben, Blütenblätter mit auf die Reise zu geben. Das Lied, das wir vorhin am Feuer gesungen haben, kommt wie von selbst über meine Lippen, leise, gesungen wie für ein Neugeborenes. Nach einem Neuen, so fühlt es sich an. Ich bin Hebamme. Geleite die Asche dieses Menschen in die andere Welt. Der Fluss empfängt sie, lässt sie in sich sinken, trägt sie – ein Strömen in die Weite und Offenheit der Welten, die wir als Lebende nur erahnen können. Als keine Asche mehr im Gefäss ist, schöpfe ich Wasser nach, immer und immer wieder. Es ist ein archaischer, das Leben und den Tod umspannender Moment. Ein Übergang. Eine Schwelle.

Ich war ein klein wenig mit drüben. Nun bin ich wieder da. Ganz. Die Blütenblätter fliessen. Und wir Lebenden bleiben an der Schwelle stehen. Den Blick in das sich Weitende und zugleich in das Innen gewendet.

Es ist zu Ende. Organisch und jede_r in ihrem/seinem Tempo drehen wir uns dem Feuer zu, um dort die mitgebrachten Kerzen zu entzünden, die der Verbundenheit mit dem Menschen, der gegangen ist, Ausdruck verleihen. Und somit Trost.

Alles geschieht mit viel Raum und in der Zeitlosigkeit einer heiligen Handlung, und irgendwann stehen wir wieder auf dem Parkplatz des Paradieses. Das Entfädeln braucht seine ganz eigene Aufmerksamkeit.

Für heute verabschieden wir uns von der Sonne des Südens. Im Norden wird uns der Winter empfangen mit einem an diesem Tag 10 Zentimeter dicken, frisch gewobenen Mantel. Die Kerzen mit ihrer warmen, trostspendenden FeuerKraft sind mit im Gepäck.

Das Paradies. Es ist immer hier.

 

San Graf

Im Februar 2018