AmanosFreie AbschiedsfeiernMagazin

Trauerfeier-Magazin. Gedanken und Ideen zu freien Trauer- und Abschiedsfeiern.

MagazinGedanken und Erfahrungen rund um Sterben, Tod und Trauer

Gemeinsam öffentlich Gedenken

Ein erster Schritt hinein in die gemeinsame Erfahrung schon beim Eintreten: Aus einem Korb ein Stück Holz auswählen, darauf den Namen des Menschen schreiben, dem an diesem Nachmittag gedenkt werden wollte. Ein stiller, persönlicher Moment.

Im Verlauf der Feier fanden all diese Holzstücke ihren Weg zurück in die Mitte. Jedes einzelne bekam einen Platz auf dem Tisch. Jeder Name wurde laut gelesen, und für jeden Menschen eine Kerze entzündet. Jede einzelne ein Symbol für ein Leben, eine Beziehung, eine Geschichte. So entstand ein warmes Lichtermeer – sichtbar gewordene Erinnerung, geteilte Verbundenheit. Menschen, die fehlen und doch Teil unseres Lebens bleiben. 

Öffentlich zu gedenken war früher eine Normalität. Und solche Rituale bleiben auch für Menschen wichtig, die heute keiner Kirche mit festgelegten Formen und Abläufen mehr angehören. Rituale, die Halt geben, Trost spenden und verbinden. An diesem Nachmittag war genau das spürbar.

Die Musik von Joelle Favazzo öffnete Räume jenseits der Worte. Ihre Lieder trugen das Unausgesprochene, liessen Gefühle fliessen und schufen Tiefe. Ein mystischer, verdichteter Moment der Abschluss am Feuer: Eine feine, fast scheue Rauchsäule erst, die immer stärker wurde, bis schließlich die ersten Flammen oben heraus züngelten und das Knistern des Feuers zu hören war. 

In der transformierenden Kraft des Feuers schickten wir unsere Grüsse und Herzensbotschaften auf die andere Seite:
Ich bin da. Ich denke an dich. Du bist mir nah. Du bist und bleibst Teil meines Lebens.

Kathrin Maag,
im November 2025

 

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Zusammen stehen im Gedenken an liebe Menschen.

Ein Licht anzünden für sich selber oder miteinander.

Der November und vor allem der Anfang dieses Herbstmonats ist traditionell die Zeit, in der wir den Toten gedenken. Man sagt, die Schleier zwischen den Welten seien da etwas dünner, der Zugang einfacher. 

Und so finden auch Aktivitäten statt, in denen verschiedene Amanos-Mitglieder mitwirken: Bei den Lichtritualen im Rahmen des Fachverbands für Rituale waren Brigitte Marti in Bern und Meret Schindler in Zürich engagiert. An öffentliche Gedenkfeiern haben Manuela Rieder mit drei Berufskolleginnen in Bern und Simone Gantner und Kathrin Maag in St.Gallen eingeladen: Im Rahmen einer gehaltenen Feier sich gemeinsam zu erinnern an Menschen, die fehlen, die losgelassen werden mussten.

Rituale schaffen Räume für das, was uns als Menschen verbindet – jenseits von festen Dogmen, aber getragen von Tiefe, Achtsamkeit und Sinn. Dafür stehen wir bei Amanos.

 

Balance-Akt...

...oder: Die Kunst des Navigierens zwischen Ehrlichkeit und Wahren der Integrität

Zwei Brüder, eine verstorbene Mutter, zwei total unterschiedliche Geschichten. Eine positive, eine negative. Ein Lebenspartner, der nochmals eine ganz andere Geschichte mit der Verstorbenen teilt. Freundinnen, Nachbarn. Alle Sichtweisen wollen berücksichtigt und gesehen werden. Es braucht Anerkennung für das Schwierige, sonst wäre es unehrlich. 

Ein feinfühliges Formulieren und Umgehen mit Verletzungen, die immer noch offen sind. Und gleichzeitig ein Wahren jener Verbindungen, die in gutem Licht standen, in denen das Schöne und Positive überwiegt.

 

Jede Medaille hat zwei Seiten

Schon im Vorgespräch war der Umgang offen, die Themen konnten beim Namen genannt werden. Es war wichtig, dass die immer noch verletzten Seiten Raum bekamen. Vielleicht mehr, als man denken würde, wenn man an die Vorbereitung für eine Abschiedsfeier denkt. „Es geht ja nicht um ihn, sondern um die Mutter“ - wäre ein möglicher Gedanke. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Nur die eine Seite der Medaille.

Wenn ein Mensch stirbt, so ist sicherlich wichtig, dass der Abschied dieser Person entspricht. Eine poetische Feier mit spirituellen Texten bei einem Pragmatiker oder auf der anderen Seite eine Feier ganz ohne Erwähnung von Gott bei einer, die zwar nicht regelmässig Gottesdienste besuchte, aber doch immer gerne in Kirchen war und zu Hause ab und zu gebetet hat: Das wäre nicht stimmig. Es muss zur Persönlichkeit, zur Spiritualität, zum gelebten Leben passen.

Aber mit und trotz dem Tod dieses Menschen müssen die Hinterbliebenen weiter leben. Und mit der Feier ebenfalls. Deshalb muss die Feier beide Seiten berücksichtigen, müssen Integrität und Würde beider Seiten gewahrt werden.

Hilfreiche Zutaten...

Es gibt hier keine einfache, exakte Rezepte für ein wohl verbauliches Gericht. Aber einige Zutaten sind doch klar: liebevolle Ehrlichkeit, Anerkennung für die verschiedenen Seiten ohne für eine Sichtweise Partei zu ergreifen, evtl. Kontaktaufnahme mit Menschen aus diesen unterschiedlichen Perspektiven, sorgfältiges Prüfen der gewählten Worte, exakte Abklärungen im Vorfeld und den Mut, die Dinge an- und abzusprechen, eine gute Selbstreflexion („Lasse ich mich einnehmen von einer Sichtweise?)...
Wieviel von welcher Zutat, das hängt von der Situation ab.

„Es war fabelhaft!“ Die Rückmeldung eines ehemaligen Nachbarn wurde begleitet von einem herzhaften Händedruck und einem ehrlichen Dank. Auch für die Söhne, den Lebenspartner, die Enkelinnen war die Feier stimmig. Das Gericht hatte ganz offensichtlich die richtige Würzmischung für alle.
Was für ein wunderbares Gefühl. Und ehrlich gesagt auch eine Erleichterung. Denn es ist jedes mal ein Balance-Akt und der Erfolg keineswegs garantiert. Der Beitrag für die Angehörigen dafür umso wertvoller, wenn das Gericht gelingt.

 

Kathrin Maag,
im September 2024